Ausstellung FREE im Haus am Dom Frankfurt

Showstopper Kunst - Wann bin ich wirklich frei?

Intensive Gesichtsstudien, Momentaufnahmen und Dokumentationen: 26 Fotografinnen und Fotografen zeigen im Haus am Dom ihren Zugang zum Thema Freiheit. Dabei wird deutlich: Auch wenn Kunst nicht als systemrelevant gilt, ist sie doch unverzichtbar lebensrelevant.

Grit Konrad und Fotograf Bernd Hartung vor dem Portrait, das er von ihr erstellt hatFRANKFURT.- Stark und zart zugleich sieht sie aus, die junge Frau, die in die Kamera lächelt. Ihr nackter Oberkörper ist mit Tattoos bedeckt; dort, wo einst die Brüste waren, ranken sich nun Eibenzweige auf der Haut.

 

Grit Konrad und Fotograf Bernd Hartung vor dem Portrait, das er von ihr erstellt hat

 

Bei der Eröffnung der Ausstellung „FREE“ am Freitagabend im Haus am Dom ist das Portrait, das Fotograf Bernd Hartung von Grit Konrad aus Wiesbaden gemacht hat, eins der eindringlichsten Bilder. 26 Fotografinnen und Fotografen von FREELENS, Deutschlands größtem Foto-Berufsverband, zeigen bis 18. Januar 2022 im Haus am Dom, was sie unter Freiheit verstehen – oder dem Mangel an Freiheit. Es ist die dritte Gemeinschaftsausstellung von FREELENS nach SLOW (2015) und WILD (2017).

Ursprünglich sollte die FREE-Ausstellung schon 2020 stattfinden, wurde damals aber wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben. „Damals wussten wir noch nicht, was das mit uns macht, aber mittlerweile wissen wir, wir müssen lernen, damit umzugehen“, sagt Bernd Hartung, der die Ausstellung gemeinsam mit Andreas Varnhorn, Ricarda Piotrowski und Bernd Rosenlieb organisiert hat.

Jeder Meter anders

Dass die Ausstellung nun mit einjähriger Verspätung stattfinden kann, freut ihn natürlich. Auch wenn zur Vernissage nur ein eingeschränkter Kreis von geladenen, maskentragenden Gäste kommen darf und man von den großen Vernissagen mit 450 Menschen in der Vor-Pandemie-Zeit weit entfernt ist, ist die Stimmung vor den Bildern doch gut. Die 26 Fotografinnen und Fotografen freuen sich sichtlich, dass sie nun endlich wieder mit Betrachtern über ihre Werke sprechen können. Dabei sind die Interpretationen von Freiheit so vielfältig wie die Künstlerinnen und Künstler selbst; alle paar Meter gibt es eine neue Technik, ein anderes Auge, einen ungewohnten Blickwinkel zu entdecken.

Menschen verharren und begegnen der Kunst

Diese Spannung spürt auch Dr. Johannes Lorenz, Studienleiter für Weltanschauungsfragen und Lebenskunst an der Katholischen Akademie, der die FREELENS-Ausstellungen im Haus am Dom verantwortet. „Leute, die ins Haus kommen, um zum Beispiel ein Ticket für eine Veranstaltung zu kaufen, bleiben stehen, schauen nach oben und betrachten Ihre Bilder“, sagt er den Fotografinnen und Fotografen bei der Vernissage. „Was sie tun, wird kurz unterbrochen. Und wenn Kunst so etwas schafft, braucht man nicht darüber zu reden, ob sie systemrelevant ist. Denn dann ist sie lebensrelevant.“

Und dem Leben, auch wenn es weh tut, manchmal ganz nah. So wie die Bilder von Fotograf und Organisator Bernd Hartung, der brustamputierte Frauen oben ohne fotografiert hat. Seine Schwarz-Weiß-Portraits sind jedoch mehr als ästhetische Bilder; sie transportieren eine wichtige Botschaft. „Ärzte und Ärztinnen, Schwestern, die Gesellschaft gehen immer wie selbstverständlich davon aus, dass Frauen, denen die Brüste abgenommen werden mussten, einen Aufbau haben wollen. Dabei muss das doch jede Frau frei entscheiden können“, betont der Fotograf aus Frankfurt. Auch Grit Konrad hat sich nach ihrer OP vor fünf Jahren gegen einen Wiederaufbau der Brust entschieden; ja, sie hat sogar mit anderen Frauen, die Gleiches erlebt einen, einen Verein der stolzen Brustamputierten gegründet. Das hat Bernd Hartung so beeindruckt, dass er beschloss, die Kämpferinnen zum Thema seines Ausstellungsbeitrags zu machen.

Ungewollt frei

Andreas Varnhorn, Fotograf aus Bad Vilbel, zeigt einen anderen Aspekt von Freiheit – eine ungewollte nämlich, im pandemiebedingten Leerlauf. Er hat Geschäftseigentümerinnen und –eigentümer portraitiert und sie selbst erzählen lassen, was die Pandemie für ihre Unternehmen und ihre Leben bedeutet. Daraus entstanden ist eine Momentaufnahme von Einkaufsstraßen wie der Berger Straße, der Leipziger Straße und der Schweizer Straße, die von jetzt auf gleich in eine Starre fielen. „Mir war es wichtig, die Menschen nicht nur zu zeigen, sondern auch selbst zu Wort kommen zu lassen“, erklärt Varnhorn und deutet auf die Texttafeln neben seinen 15 Bildern. Dort liest man zum Beispiel von der Inhaberin eines Caterings, die plötzlich gezwungen war, kürzer zu treten – und Gefallen daran fand. Vom Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts, der sich als einer der ersten zu 2G entschloss und angefeindet wurde. Und von einem Friseur, den in Bornheim jeder kennt – und dem man auf seinem im Spiegel aufgenommenen Portrait die Erschöpfung der harten Zeit deutlich ansieht.

Ein kopfloser Jesus

Auf eine ganz andere Art eindringlich ist das neunteilige fotografische Gemälde, das Kay Maeritz aus Rabenau neben den Eingang zum Zollamtssaal gehängt hat. Zu sehen ist ein kopfloser Jesus, der die Arme weit ausstreckt – über die sterbende Erde in Form von Hungergeistern und den Menschen, der sich für das Maß aller Dinge hält. „Die monotheistischen Religionen haben sich über die Natur erhoben“, erklärt er sein Bild. Maeritz hatte mitten im Lockdown schon einmal eine Ausstellung mit dem Titel „LEBEN“ im Haus am Dom, die allerdings aufgrund der vorübergehenden Schließung des Hauses ohne Zuschauer blieb. Umso mehr freut er sich, nun gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen endlich wieder Publikum zu haben.

Die Ausstellung „FREE“ des Fotografenverbands FREELENS ist bis 18 Januar im Haus am Dom, Domplatz 3, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag, 11 bis 17 Uhr (bei Abendveranstaltungen auch länger). Der Eintritt ist frei. Aktuell gilt für Besuche die 3G-Regel (getestet nur mit PCR-Test). Weitere Informationen auf www.hausamdom-frankfurt.de.

Foto: A. Zegelman / Bistum Limburg